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ETIKETTENSCHWINDEL (A. RAUCHFUß) |
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Etikettenschwindel
Seit rund 15 Jahren gibt es sie; seit zehn Jahren versuchen Initiativen, Verbände und viele andere Akteure der Arbeitsmarktpolitik, den Begriff "Soziale Beschäftigungsinitiative" hoffähig zu machen. So wenden sich die entsprechenden Fachzeitschriften mit ihren Titeln an "Initiativen" oder an "Ausbildungs- und Beschäftigungsprojekte". Neben der Cha-rakterisierung als Initiative scheint auch die Tatsache der vorwiegend öffentlichen Finanzierung ein besonders hervorhe-benswertes Merkmal zu sein. Eine Datenbank der nordrhein-westfälischen Landesberatungsgesellschaft beinhaltet beispielsweise "öffentlich finanzierte Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte".
Die Daimler-Benz AG würde nicht im Traum daran denken, ihre Jäger 90 produzierenden Tochtergesellschaften als öffentlich finanzierte Projekte zu bezeichnen, obwohl für sie - wie seit einiger Zeit zu sehen ist - ähnliches gilt wie für Soziale Beschäftigungsinitiativen: Sie sind zum einen davon abhängig, daß ihre Arbeit, ihre Dienstleistung im öffentlichen Interesse liegt und daß es einen Auftraggeber gibt, also jemanden, der bezahlt. Was für Daimler das Verteidi-gungsministerium, ist für Initiativen das Arbeitsministerium. Zugegeben, der Vergleich hinkt: die Rüstungsindustrie kann auf eine anscheinend ewig währende Vergangenheit zu-rückblicken. Wahrscheinlich mußte sie sich nie darüber Gedanken machen, ob sie eine vorübergehende Zeiterscheinung ist. Mit diesem Zweifel müssen sich aber Beschäftigungsinitiativen seit ihrem Bestehen plagen. Und diese Zweifel finden letztlich im ständigen Gebrauch der Begriffe "Initiativen" und "Projekte" ihren Ausdruck, die etwas von vorübergehend, zeitweilig und befristet vermitteln. Vielleicht wäre den sozialen Beschäftigungsinitiativen geholfen, wenn sie sozusagen von offizieller Seite gesagt bekämen: jawohl, Massenarbeitslosigkeit wird es dauerhaft geben.
Aber wer würde sich öffentlich dieser Frage stellen: Nach wie vielen Jahren betrachten Sie Massenarbeitslosigkeit als Dauererscheinung? Nach 15 Jahren, nach 30 Jahren oder erst nach 100 Jahren? Viele Politiker neigen laut ihrer veröf-fentlichten Meinung eher zur letztgenannten Antwortmöglichkeit. Was man durchaus verständlich finden kann; denn Massenarbeitslosigkeit schon heute, nach rund 15 Jahren als dauerhafte Zeiterscheinung zu bezeichnen, käme einer Bankrotterklärung nahe. Die Industrie, könnte sie es wagen, öffentlich zu sagen, daß es in den alten Bundesländern auch in 15 Jahren noch zwei Millionen Arbeitslose geben wird, daß sie Hunderttausende von Einfacharbeitsplätzen einsparen wird? Nein, denn die Industrie muß immer (außer in Tarifauseinandersetzungen) positiv nach vorne schauen. Also bleiben die übrig, die schon seit geraumer Zeit von Massenarbeitslosigkeit als einem Dauerproblem sprechen: Soziale Beschäftigungsinitiativen und ihr Umfeld. Sie müßten deutlich machen, daß man einem Dauerproblem nicht mit auf zwei Jahre befristeten Projekten oder Sonderprogrammen beikommen kann.
Aber um in der Öffentlichkeit glaubhaft auftreten zu können, ist eines unumgänglich: Der Begriff "Soziale Beschäftigungsinitiative" muß gestrichen werden! Laut Fremdwörterbuch bedeutet Initiative "Handlungsbeginn, Anstoß" und "Entschlußkraft, Unternehmergeist". Und Projekt wird mit "Plan, Entwurf, Vorhaben" erklärt. Allesamt Begriffe, die durchaus mit Positivem in Verbindung gebracht werden. Nur - würden Sie die Feuerlöschinitiative anrufen oder vielleicht doch lieber die Feuerwehr? Vor zehn oder 15 Jahren war der Begriff Initiative sicherlich angemessen, hilfreich und beschrieb die Situation passend. Er suggerierte etwas Neues und Innovatives. "Wir machen es anders - und besser!". Wenn aber Vereine mit 100 Beschäftigten sich in ihrem achten Jahr noch als Initiative bezeichnen, ist das eindeutig Etikettenschwindel. Man fragt sich, warum ein Begriff, den die Aktiven in diesem Arbeitsfeld selbst geprägt haben, so lange überdauern konnte. Zum einen liegt der Schluß nahe, daß Öffentlichkeitsarbeit nicht gerade ein Steckenpferd von Initiativen und Projekten ist. Man ist mittlerweile Weltmeister darin, sieben Finanzierungsprogramme zu "Maßnahmeketten" zu verknüpfen und die anschließenden sieben Verwendungsnachweise ordnungsgemäß abzuwickeln. Für Öffentlichkeitsarbeit bleibt da wenig Zeit.
Zum anderen bereitet es einigen Beschäftigungsprojekten vielleicht Schwierigkeiten, sich als normalen Dienstleistungsbetrieb zu verstehen. Viel Energie in den Anfangsjahren konnte dadurch freigesetzt werden, daß man etwas Neues, Politisches, Kreatives, Ganzheitliches und qualitativ Besseres machte. Daß man anders war. Das war echte Corporate Identity. Und nun soll man Maßnahmen des Arbeitsamtes "abwickeln"? Und bei Auftragsmaßnahmen mit anderen Anbietern konkurrieren, die vielleicht kein so ausgereiftes Konzept der sozialpädagogischen Betreuung haben und (gerade deshalb) billiger anbieten können?
Normalität und Konkurrenzdruck - vielleicht wäre das der Preis für eine Verstetigung der Arbeitsbedingungen sozialer Beschäftigungsinitiativen, sprich dauerhaft angelegter Finanzierungen. Der Blick auf die katastrophalen und sich laufend ändernden Finanzierungsmöglichkeiten verführt aber dazu, soziale Beschäftigungsinitiativen in der Rolle des Opfers zu sehen. Knappe Kassen und verständnislose Politiker sind schnell als Grund für die ungesicherte Zukunft der Branche ausgemacht. In Zeiten systemorientierter Sichtweisen hilft da eher die Frage weiter: Wie haben es die Akteure der sozial orientierten Arbeitsmarktpolitik geschafft, daß ihr Arbeitsfeld auch nach 15 Jahren noch nicht abgesichert ist. Anders ausgedrückt: Was haben Beschäftigungsinitiativen für diesen Zustand getan oder was hätten sie besser unterlassen sollen?
Sie haben ihr Anderssein gepflegt: Jeans statt Anzug, du statt Sie, politische Argumentation statt behördengerechte Problemlösungen. Doch: dauerhafte Anerkennung gibt es nur gegen Normalität.
Vielleicht fehlt den Sozialen Beschäftigungsinitiativen aber auch nur eine meßbare Zielgröße, an der sie sich orientieren und in (ferner) Zukunft ablesen könnten, ob und wie gesellschaftlich anerkannt ihre Tätigkeit ist. Roland Matzdorf, langjähriger Chef der Landesberatungsgesellschaft in Nordrhein-Westfalen, sagte dazu, daß Soziale Beschäftigungsinitiativen einmal gesellschaftlich so anerkannt wie Weiterbildungseinrichtungen sein müßten. Gesellschaftliche Anerkennung als Voraussetzung für gesetzliche Regelfinanzierungen. Nicht nur das Vorhandensein von Regelfinanzierungen ließe auf Anerkennung schließen. Sie wäre auch dann erreicht, wenn eine öffentliche Persönlichkeit ihren Namen für eine Stiftung zugunsten Langzeitarbeitsloser hergäbe.
Doch bevor es eine "Norbert - Blüm - Stiftung" gegen Arbeitslosigkeit gibt, müssen sich Soziale Beschäftigungsinitiativen umbenennen in: Arbeitsförderungsgesellschaft, Sozialer Betrieb, Soziale Werkstatt, Beschäftigungsgesellschaft, Werkstatt für Qualifizierung und Beschäftigung ...
Andreas Rauchfuß
(Socialmanagement, Magazin für Organisation und Innovation, Juli 1993)
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Aufsätze | Coaching: Hauptsache es hilft (A. Rauchfuß)
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