Wenn Führungskräfte Mitarbeiter*innen begegnen, die erschöpft wirken, sich zurückziehen, ungewöhnlich re-agieren oder deren Verhalten unerklärlich erscheint, entsteht oft Verunsicherung. Es stellen sich viele Fragen:
- Wie spreche ich psychische Belastungen offen an, ohne jemanden zu verletzen oder zu überfordern?
- Wie finde ich als Führungskraft die Balance zwischen Verständnis zeigen und klare Erwartungen an Leistung formulieren?
- Wie kann ich das Team entlasten und gleichzeitig sicherstellen, dass unsere Aufgaben weiterhin verlässlich erledigt werden?
Eine systemische Perspektive kann Führungskräften dabei helfen, diese Dynamiken zu verstehen und hilfreiche, tragfähige Wege zu beschreiten.
Weg vom Diagnostizieren – hin zum Beobachten und Klären
Führungskräfte sind keine Therapeutinnen oder Diagnostiker. Entscheidend ist nicht, ob jemand „wirklich“ psychisch erkrankt ist, sondern welches Verhalten im Arbeitskontext sichtbar wird und wie es die Leistungsfähigkeit und Zusammenarbeit beeinflusst.
Es sollten nicht nur die vermeintlichen Defizite betroffener Mitarbeiter*innen betrachtet werden, sondern Beziehungs- und Kommunikationsmuster im Team, sowie vorhandene Ressourcen, Rollen und wechselseitige Erwartungen.
Der systemische Führungsansatz setzt im direkten Umgang mit Betroffenen darauf …
- frühzeitig ins Gespräch zu gehen,
- beobachtbares Verhalten anzusprechen und auf Zuschreibungen und Diagnosen zu verzichten,
- konsequent die Ressourcen und Stärken der Betroffenen im Blick zu halten,
- Fürsorge zu zeigen, ohne Verantwortung zu übernehmen, die nicht zur Führungsrolle gehört,
- Erwartungen klar zu kommunizieren, damit Orientierung entsteht,
- Ressourcen zu schaffen und zu nutzen, wie interne Anlaufstellen, BGM oder externe Beratung.
So kann ein Umgang entstehen, der weder dramatisiert noch bagatellisiert – sondern Orientierung gibt.
Das ganze Team ist betroffen und gestaltet Situationen mit
Teams reagieren sensibel auf betroffene Kolleg*innen. Unklarheiten, emotionale Spannungen und Mehrbelastungen können entstehen.
In solchen Situationen entsteht regelmäßig der Wunsch nach Einfachheit: Es wird nach „Ursachen“ oder sogar „Schuldigen“ gesucht. Das ist menschlich und ein Versuch, Kontrolle und Sicherheit zurückzugewinnen – greift jedoch meist zu kurz und verstärkt Konflikte eher, als dass es sie löst.
Getreu der systemischen Perspektive: „Niemand ist allein verantwortlich für das Problem – aber alle zusammen für die Lösung.“ Und diese gilt es gemeinsam zu ent-decken.
Es kann helfen, die Situation als gemeinsames Geschehen zu betrachten:
- Was wirkt auf wen – und wie?
- Was ist hilfreich – und was nicht?
- Welche Muster haben sich entwickelt?
- Wo liegen bereits nutzbare Ressourcen?
Eine offene, klare und gleichzeitig wertschätzende Kommunikation ist dabei Aufgabe aller Beteiligten – für Betroffene, Mitarbeitende wie für Führungskräfte. Sie ist der Schlüssel, um Vertrauen zu stärken und psychologische Sicherheit im Team zu fördern.
Organisationen haben Einfluss – und Verantwortung
Psychische Beanspruchungen stehen nie im luftleeren Raum. Arbeitsverdichtung, unklare Rollen, Konflikte, fehlende Prioritäten oder strukturelle Widersprüche können Symptome verstärken oder sogar hervorbringen.
Eine systemische Perspektive nimmt die Bedingungen der Organisationen in den Blick, die dazu beitragen, dass Menschen gut (zusammen-) arbeiten können. Sie fragt, wo es Bedarf gibt, nachzujustieren.
Selbstfürsorge als Führungskraft, um auch in komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben
Führungskräfte müssen nicht alles wissen und können, aber sie brauchen einen klaren Rahmen und kollegiale Unterstützung auf Leitungsebene.
Sie sollten die Grenzen der eigenen Rolle kennen, die eigene Belastung reflektieren und professionelle Unterstützung einbeziehen. Selbstfürsorge der Führungskraft ist dabei kein persönlicher Luxus, sondern eine wichtige Voraussetzung für wirksame Führung. Wer die eigenen Ressourcen kennt und schützt, kann auch in angespannten Situationen Orientierung geben, tragfähige Entscheidungen treffen und für Mitarbeitende ansprechbar bleiben.
Handlungsfähigkeit durch systemische Führung
Ein tragfähiger Umgang mit psychischen Belastungen im Arbeitskontext bedeutet nicht, für alles eine schnelle Lösung zu haben. Er bedeutet vielmehr, im Gespräch zu bleiben, Zusammenhänge zu verstehen, unterschiedliches Erleben besprechbar zu machen und gemeinsam handlungsfähig zu werden.
Eine systemisch ausgerichtete Führung kann dabei helfen, genau diesen Raum zu öffnen: für Klarheit, für Mitgefühl – und für Lösungen, die den Betroffenen, dem Team und der Arbeitsaufgabe dienen.
Formate wie Teamentwicklung, Supervision oder Mediation bieten hierfür wertvolle Unterstützung. Sie schaffen Gelegenheiten zur Reflexion, machen Dynamiken sichtbar und helfen dabei, vorhandene Ressourcen wieder zugänglich zu machen.
Denn nachhaltige Lösungen entstehen selten durch einfache Antworten. Sie entstehen dort, wo Menschen bereit sind, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und Entwicklung als gemeinsamen Prozess zu verstehen.
Münster, Juli 2026 | Benjamin Weidenbach